bei der Ausstellung über Leben und Arbeit in Tipitapa, Nicaragua.
Eröffnung im Lateinamerika Institut
Sehr geehrte Anwesende, Liebe Freunde,
Ich freue mich sehr über Ihr Interesse –
und über Ihr zahlreiches Kommen.
Vor über einem Jahr begannen Sandra Bauske, Wolfgang Lehrner und ich mit der Arbeit an dieser Ausstellung. Wir möchten mit ihr die soziale und wirtschaftliche Realität Nicaraguas und die Arbeit in Zonas Francas den Unwissenden sichtbar machen und den damit Vertrauten wertvolle Hintergrundinformationen an die Hand geben.
Mit dieser Eröffnung startet die Ausstellung ihre Tour durch Österreich und Deutschland. Ab Juli wird die spanische Version in Nicaragua zu sehen sein.
Durch die Tour durch diese drei Länder ergibt sich die seltene Gelegenheit, den Blick auf eine Facette unserer globalisierten Wirtschaft zu teilen.
Ein gemeinsamer Blick, der in unserer zusammenrückenden Welt zwar immer leichter möglich wird, aber noch immer viel zu selten passiert.
Wobei er vielleicht der Schlüssel wäre, um Problematiken wie die Vorliegende zu lösen -
Aber das eigentlich nur Nebenbei.
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Es gibt an Zonas Francas viele diskussionswürdige Aspekte. Ich möchte mich hier, zur Eröffnung dieser Ausstellung, auf einen einzigen, sehr wichtigen Aspekt, konzentrieren: die Haushaltskasse der Arbeiterinnen und Arbeiter.
Befürworter sprechen von Zonas Francas als einer der wenigen Chancen auf wirtschaftliche Entwicklung, die ein Land wie Nicaragua hat.
Aber sichern Zonas Francas mehr als das Überleben ihrer Arbeiter und Arbeiterinnen?
Anders gefragt: ist es möglich, sich mit dem Lohn aus einer Zona Franca eine Zukunft aufzubauen?
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Wenn man durch Nicaragua fährt, dann kommt man immer wieder an großen, umzäunten Grundstücken vorbei, auf denen mehrere, in diesem tropischen Land fast unwirklich anmutende, Fabrikshallen stehen.
Diese umzäunten Grundstücke sind Zonas Francas.
Firmen in Zonas Francas produzieren ausschließlich für den Export.
Sie importieren steuerfrei Rohmaterial und exportieren steuerfrei ihre fertige Ware.
Sie importieren steuerfrei die Maschinen, mit denen diese Waren gefertigt werden und benutzen die Straßen des Landes und andere Einrichtungen, ohne Kommunalsteuern zu bezahlen.
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Diese Sonderregelungen sollen dringend benötigte Investitionen anziehen:
Die Arbeitslosenrate in Nicaragua, dem ärmsten Land am lateinamerikanischen Kontinent, liegt offiziellen Angaben zufolge bei 25 Prozent der Erwerbstätigen.
Die Regierungen Nicaraguas fördern seit Beginn der neunziger Jahre verstärkt die Ansiedelung von neuen Betrieben in Zonas Francas. Dadurch sollen wichtige Arbeitsplätze geschaffen werden und der nicaraguanischen Wirtschaft neue Impulse verliehen werden.
- In den letzten zehn Jahren hat sich in Nicaragua die Zahl der Betriebe, die in Zonas Francas arbeiten, verfünffacht,
- im selben Zeitraum hat sich die Zahl der Arbeitsplätze in Zonas Francas mehr als verzehnfacht.
- 14 Prozent aller offiziell Beschäftigten in Nicaragua arbeiten heute in Zonas Francas.
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Sind also Zonas Francas zwar ein gewagtes, wirtschaftlich sehr liberales Konzept, aber geben sie vielleicht einem Land wie Nicaragua mittels so vieler neuer Arbeitsplätze eine Perspektive für die Zukunft?
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Vom gesamten Umsatz in einer Zona Franca bleibt aufgrund der fast vollständigen Steuerbefreiungen nicht sehr viel mehr im Land, als die Löhne.
Sandra Gonzalez, eine Arbeiterin, die wir für diese Ausstellung befragt haben, verdient in einem Monat in der Zona Franca Tschaina United EINTAUSEND Cordoba Grundlohn. Das sind umgerechnet nicht einmal
50 Euro.
Diese 50 Euro sind
- um 10 Euro weniger, als der gesetzliche Mindestlohn vorsieht
und
- sie sind um 20 Euro weniger, als Sandra Gonzales für Essen und täglichen Bedarf für sich und ihre drei Kinder brauchen würde.
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Frau Gonzales lebt in Tipitapa im Viertel Orontes Centeno. In diesem Viertel arbeitet die Hälfte aller Erwerbstätigen in Zonas Francas.
In Orontes Centeno findet sich keine Spur von wirtschaftlichem Aufschwung:
Die unbefestigten Gassen sind wie überall in Nicaragua in der Trockenzeit Staubpisten, die die Lungen verschleimen und in der Regenzeit Schlammgräben, in denen die Mosquitos züchten.
Es gibt keine Kanalisation, Abwässer laufen in den Gossen zusammen. Die Häuser sind niemals über das Stadium der Baufälligkeit hinausgekommen.
Arbeitslose Jugendliche sitzen buchstäblich auf der Straße, viele zwischen ihren Knien das beste Mittel gegen Langeweile – ein Sackerl Schnaps um 10 Cent.
Keine Chance, dass eine der Arbeiterfamilien dort ihre Kinder zur Universität schicken könnte, sie müssen froh sein, wenn diese die Hauptschule abschließen.
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Im Falle Nicaraguas stammt der Großteil der Investoren in Zonas Francas aus Asien. Aus Taiwan, Südkorea, Malaysien oder den Philippinen. Sie produzieren fast ausschließlich Textilien für US-Amerikanische Auftraggeber. Für Levi’s, Tommy Hilfiger, Dickie’s, Gap, Calvin Klein, Fila und so weiter.
Alles Marken, die ihrerseits ihre Produkte auf den US-amerikanischen und europäischen Märkten verkaufen.
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Es stellt sich die Frage, was denn Betriebe in Zonas Francas mehr machen, als die Notlage am nicaraguanischen Arbeitsmarkt zu ihrem Vorteil zu nutzen. Ein Vorteil, der letztendlich uns Konsumentinnen und Konsumenten in den USA und in Europa niedrige Preise beschert.
Zum Abschluss möchte ich noch zwei Beispiele anbringen, um uns vor Augen zu führen, wie krass das Missverhältnis zwischen dem Produktpreis hier bei uns - und dem Herstellungslohn in einer Zona Franca in Nicaragua ist.
Das erste Beispiel ist eine haarsträubende Begebenheit.
Das zweite Beispiel ist eine einfache Rechenübung.
Zuerst also die Begebenheit:
Im Juli vergangenen Jahres besuchten wir einen Vorzeigebetrieb in der Zona Franca Las Mercedes in Managua.
In einer Halle nähten vielleicht 150 Arbeiterinnen in schmalen Gängen rote und blaue Ralph Lauren Sweater.
Zeilen von Nähmaschinen wechselten mit Zeilen von Endelmaschinen.
An einer Wand der Halle war eine große weiße Tafel angebracht, auf der Soll- und Iststückzahlen vermerkt waren. Man konnte darauf unschwer erkennen, dass jede Zeile etwa tausend Arbeitsschritte pro Tag nähte.
Ganz am Ende der Halle wurden die frisch gebügelten Sweater einzeln in Plastikfolie und dann in Schachteln verpackt.
Auf den Sweatern hingen bereits Preisschilder der Ladenkette, in der sie später verkauft werden würden.
Auf den Preisschildern stand:
Vorher: neunundfünfzig Dollar
Jetzt: 39
Sparen Sie 20!
Die kleine Diskrepanz zwischen Lohn und Verkaufspreis bleibt in Nicaragua nicht unbekannt!
Die 20 Dollar, die ich mir beim Kauf einer dieser Sweater „sparen“ kann, sind ungefähr der Wochenlohn der Arbeiterin, die tausend Arbeitsschritte pro Tag an diesen Sweatern näht.
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Und nun zur Rechenübung.
Ich möchte mit ihr verdeutlichen, um für wie wenig den Arbeiterinnen in Zonas Francas eine bessere Zukunft vorenthalten wird und wie nahe diese Angelegenheit an unseren Brieftaschen sitzt.
Stellen wir uns eine Jeanshose von einer der gängigen Marken vor. Zum Beispiel Levi’s. Levi’s lässt in Nicaragua produzieren.
Eine Jeanshose von Levi’s kostet, sagen wir, 79 Euro in einem Geschäft auf der Mariahilfer Straße. Ich stelle mir vor, ich lege beim Kauf dieser Hose einen einzigen Euro – als Trinkgeld sozusagen – drauf.
Ich will mich jetzt nicht zurückhalten und lasse meiner Fantasie freien Lauf. Ich stelle mir vor, dieser Euro rollt beim Laden raus, rollt weiter bis zum Flughafen und nimmt eine Maschine nach Managua.
Wir, die wir im Laden stehen, haben so etwas noch nie gesehen. Wir bleiben bass erstaunt im Verkaufslokal zurück.
Der Euro rollt indes bis Tipitapa, dort teilt er sich in klitzekleinen Cent-Beträgen - auf die Arbeiterinnen auf, die an dieser Hose genäht haben.
Stellen wir uns vor, das passiert plötzlich bei jeder Hose, die in einer Zona Franca produziert wurde.
Stellen wir uns vor, plötzlich gibt jeder und jede von uns dieses Trinkgeld, - und sei’s auch nur um die Euros- beim Laden hinausrollen zu sehen.
Würde also von jeder verkauften Hose dieser eine Euro direkt an die Arbeiterinnen in der Zona Franca gehen, wie viel würde jede einzelne von ihnen am Ende des Monats mehr in der Tasche haben?
Ich möchte das noch kurz vorrechnen.
Nehmen wir an, die Fabrik, in der die Hosen hergestellt werden, beschäftigt 200 Arbeiterinnen, die am Tag gemeinsam 500 Hosen nähen.
500 Hosen an 24 Arbeitstagen im Monat ergeben 12000 Hosen im Monat.
Bei 12000 Hosen im Monat ergäbe sich durch unsere rollenden Euro ein mehr von 12000 Euro im Monat.
Teilen wir nun dieses Mehr von 12000 Euro im Monat auf die 200 Arbeiterinnen auf, ergeben sich -
60 Euro mehr pro Monat für jede Einzelne.
Durch unsere rollenden Euros würde also jemand wie Sandra Gonzales, deren Grundlohn 50 Euro beträgt, mit einem Schlag mehr als das Doppelte verdienen.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

